Ich sitze hier und bin hin- und hergerissen, weiß nicht, ob ich die Festplatte mit all den Fotos meiner Antarktis-Reise anschließen oder die Dinge, die ich gesehen habe, lieber nur in meinem Kopf entdecken möchte. Es war zu viel, zu schnell, der Kopf kam mit der Verarbeitung nicht hinterher, die Verarbeitung des Glücks – jeden Tag neue Eindrücke, und Eis, so viel wunderschönes, blau leuchtendes, im Wasser spiegelndes Eis.

Vielleicht entdecke ich Dinge, die ich noch nicht vergessen habe – langsam, ganz langsam möchte ich mich vortasten in diese letzten Ecken der Erinnerung. Das Erlebte erst begreifen, wenn es schon eingebettet ist in die Erinnerung dieser Reise, die lang war, und intensiv, und so wunderbar kühl auf meiner Haut.

Cierva Cove in der Antarktis: Eisberge und Gletscher und ein winziges Zodiac

Cierva Cove in der Antarktis: Eisberge und Gletscher und ein winziges Zodiac

Der Winter fehlt mir. Hier in Berlin blühen nun seit Dezember die Kirschblüten und auf dem Rasen wachsen die ersten Schneeglöckchen, als wollten sie das fehlen des Winters auf der Nordhalbkugel wieder wett machen. Die Arktis schmilzt weiter vor sich hin (die Antarktis übrigens auch). Ich denke an Schnee.

Ich sichte die ersten Filmschnipsel, denke „aawww“ und „oooohhh“, frage mich, wie ich das alles verarbeiten soll und gerate dabei in die Krallen eines fetten Reisekaters – pünktlich zum neuen Jahr.
Werde ich so etwas Schönes jemals wieder einmal sehen? Und wenn ja, womit habe ich das eigentlich verdient? Und wenn nein, warum zum Teufel nicht?

Eisberg in der Antarktis

#einelefantfürdich

Ich stürze taumelnd in das neue Jahr.
„Alles wird sich zum guten Wenden“, sagt mein Glückskeks.
Aber alles, was da wendet, kann nur schlechter sein.
Mein Kloß drückt mir die Luft zum Atmen in dem Kopf,
denkt,
das ist doch jetzt schon scheiße, dieses neue Jahr. Ich will das alte nicht verlassen, es hat so gut getan.
Mir so gut getan.
Vielleicht nur mir so gut getan.

Das Gefühl der Dankbarkeit, so groß. Reißt sich los.

Mein gutes Karma sicherlich längst aufgebraucht
so oft hat die Glücksfee auf mich runtergerotzt.
Häuser brennen, Kinder sterben, Nashörner reihen sich an Selbstmordattentäterbomben.
Und ich?
Zufrieden, glücklich, gesund, ein bisschen feist. Unvegan. Und die Bienen fliegen auch noch nicht im eigenen Garten.
Einen Dauerauftrag für Ärzte ohne Grenzen eingerichtet, aber zu mehr hat es nicht gereicht.
Wo ist denn der Gutmensch in mir?
Nicht mal ein Hamster gestorben den ich kannte.

Was machst Du, wenn Du alles hast und zu viel Angst hast zu verlieren und Dich klammerst und nichts loslassen willst?
Weiter. Ich mache einfach weiter.
Schlotternd und bibbernd vor allem Neuen, klein und ängstlich, werde ich unter dem gepflanzten Baum die Äpfel zählen, meinen lächerlichen Besitz wegschmeißen, zelten gehen, die Straße nur beim Zebrastreifen überqueren, Seifenblasen pusten und warten, bis das große Zepter mir auf den Kopf donnert.
Und vielleicht schaffe ich zwischendurch auch noch irgendetwas Sinnvolles.

„Alles wird sich zum guten Wenden“, sagt mein Glückskeks.
Festhalten. Loslassen. Ich atme ein, ich atme aus.
So ist das Leben.

Antarktischer Sonnenuntergang über der

Antarktischer Sonnenuntergang über der „Paradise Bay“

Heute ist das Thermometer endlich auf Minus 8,4 Grad gefallen und ich sitze hier und warte auf den Schnee, der ganz sicher kommen wird, irgendwo, irgendwann und frage mich, ob unsere ökoversauten Bleigießvorhersagen eintreffen werden: Ich habe ein Zelt gegossen, der Mann einen Wal.
Eigentlich eine perfekte Kombi für wunderbare Reisewünsche.
Ich versuche langsam, ganz langsam mich mit meinem Reisekater anzufreunden. Leider hasse ich Katzen. Aber das kann sich ja ändern. Alles verändert sich. Irgendwann.

Wo Ihr auch seid, mit welchem Kummer, welchen Tränen oder welchem Glück: Ich hoffe und wünsche Euch für 2016, dass jemand bei Euch ist, um Euch die Hand zu halten und einen Teil des Weges mit Euch zu gehen.

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